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Veröffentlichte Geschichten

 

»Geburtstags-Kind«

Wettbewerbsbeitrag 2012 bei Adoptionsberatung.at (voller Text hier)

 

Kurze Leseprobe:

 

Tagebucheintrag

Donnerstag, 21. Juni 2012, 15 Uhr

Kaffeezeit, Kuchenzeit.

Ich verzichte auf den Kuchen.

Vor 40 Jahren habe ich auch verzichtet, aber nicht auf leckeren Kuchen, sondern auf mein neugeborenes Kind.

Genau jetzt, nachmittags, pünktlich zur Kaffeezeit, hatte sie sich endlich aus meinem Bauch herausgequält. Es war für uns beide Schwerstarbeit, und es war der Abschluss von neun verheimlichten Schwangerschaftsmonaten. Trotz dieser widrigen Umstände waren ihr Vater und ich sehr stolz auf unsere winzige, kerngesunde Tochter. Die 24 Stunden danach sollten die intimsten und engsten werden, die unsere kleine Familie jemals miteinander verbracht hat.

Nun trinke ich einen Piccolo auf ihr Wohl. So wie stets an ihrem Geburtstag, seit sie mir berichtete, dass auch sie dieses herrlich prickelnde Getränk bevorzugt. Das war bei unserem ersten Kontakt, 30 Jahre nach ihrer Geburt.

Von meiner Stimmung her wäre mir allerdings eher nach Bitter Lemon zu Mute. Es ist extrem bitter für mich, mein Kind seit damals nie mehr gesehen und erlebt zu haben, und ich bin sauer, stocksauer! Sauer auf unser Adoptionssystem, sauer auf „inkognito“ und sauer auf mich selbst, denn ich habe damals nicht genug um mein Kind gekämpft. Nein, nicht nur „nicht genug“, sondern genau genommen überhaupt nicht. Völlig apathisch, wie an unsichtbaren Fäden hängend, habe ich genau so funktioniert wie andere es für richtig hielten. Wie sich das anhört - „andere“. Als wären Fremde dafür verantwortlich was damals geschehen ist, aber so war es nicht. Es war meine eigene Mutter, die meinte, dass dieses Kind eine Schande für unsere Familie sei. Wie kann man sich überhaupt als „Familie“ bezeichnen, wenn man ein so unschuldiges Mitglied verschenkt?

Sie fehlt mir. Hat mir immer gefehlt. Aber das will kaum einer wissen. Ich könnte wütend werden, wenn manche Leute annehmen oder gar behaupten, dass Mütter wie ich ihre Kinder „vergessen“ würden. Seinerzeit sagten sie mir auch, dass ich sie bald vergessen haben werde. Das war dumm. Dumm von mir, diesen Schwachsinn zu glauben, und dumm von ihnen, mir das Vergessen überhaupt zuzutrauen. Unsinn, von ihnen war es nicht dumm sondern raffiniert. Heute weiß ich, dass das zum „Aufklärungsprogramm“ für ledige Mütter dazu gehörte. Den Zweck dieses perfiden „Programms“ hatte ich erst durchschaut, als es schon längst zu spät war. Bereits kurz nach der Weggabe, als ich endlich aufgewacht war, hätte ich mein Mädchen am liebsten zurückgeholt, aber ich hatte begriffen: einmal weg ist immer weg.

Nein, man vergisst „es“ nicht. Niemals!

(…)

 

 

 

© 2016. Cornelia Oehlert. Alle Rechte vorbehalten.